Die Zeit danach

Zu meiner Schwester zu fahren war die beste Entscheidung die wir in dieser Woche treffen konnten. Wir waren von lieben Menschen umgeben, hatten etwas zu tun, einen routinierten Tagesablauf und konnten uns zurückziehen sofern wir es wollten. Wir konnten sogar lachen und die Zeit genießen. Manchmal haben die Hormone und die Trauer sich kurz blicken lassen und ich musste plötzlich weinen. Auch mein Mann hat ein Mal, nachdem er mit meinem Schwager etwas getrunken hatte, seinen Gefühlen Raum gegeben und beim Zubettgehen bitterlich geweint. Ich hielt ihn fest und sagte ihm dass es in Ordnung wäre. Danach war seine Trauer vorüber. Oder war das Verdrängung?

Wann wieder arbeiten?

Meine Arbeitskollegin und auch mein Chef riefen mich in dieser Woche an und fragten ob ich in der kommenden Woche wieder käme. Nach den ersten beiden Fehlgeburten bin ich direkt wieder zur Arbeit gegangen. Auch wenn es schwierig war, kann ich rückblickend sagen, dass es mir geholfen hat so schnell wie möglich wieder Alltag einkehren zu lassen. Auch jetzt dachte ich dass es das beste wäre. Inklusive Urlaub und Krankschreibung war ich inzwischen die vierte Woche nicht im Büro. Je länger ich nicht käme, desto schwieriger würde es werden. Aber da war noch dieses tote Baby in meinem Bauch. Bisher hatte sich nichts getan. Ich wusste nicht wann und wie es passieren würde und war dementsprechend froh, dass ich in der kommenden Woche komplett im Homeoffice arbeiten könnte und mich den Fragen meiner Kollegen noch nicht stellen müsste. Wann seid ihr wieder arbeiten gegangen und wie seid ihr den Kollegen gegenüber damit umgegangen?

Ich fing an ein Buch zu lesen: Der Weg zum Wunder. Wahrscheinlich ist da jeder anders. Ich für meinen Teil habe bemerkt, dass es mir gut tut nach Lösungen zu suchen, anstatt mich zu fragen warum das ausgerechnet uns passiert und mich in ein Loch zu verkriechen. Aber auch das hat einige Tage gedauert. Zunächst konnte auch ich mir nicht vorstellen wie wir jemals weitermachen sollten. Das Buch hat mir Mut gemacht und auf Untersuchungen verwiesen, die wir noch nicht durchgeführt haben.

So begann meine Arbeitswoche mit etlichen Recherchen. Die Arbeit interessierte mich kein bisschen. Und auch mein Gewissen, was mir normalerweise gesagt hätte dass ich jetzt etwas für die Arbeit tun müsste, meldete sich nicht. Jetzt zählte nur eins: Das Problem musste gefunden werden. Ich war geradezu besessen davon eine Lösung zu finden.

Fehldiagnose: Gab es doch noch einen Herzschlag?

Und dann ist es passiert. Die Hoffnung kehrte zurück. Nein, nicht die Hoffnung darauf dass es beim nächsten Mal klappen würde. Sondern die Hoffnung darauf, dass das Herzchen unseres kleinen Krümels vielleicht doch noch schlagen könnte. Ich wusste wie unrealistisch das war. Vor einer Woche konnte kein Herzschlag mehr gefunden werden. Daraufhin habe ich das Progesteron direkt abgesetzt. Nach einigen Tagen spürte ich auch schon Gebärmutterkontraktionen und ich dachte die Blutung würde bald einsetzen. Aber es passierte nichts. Ganz im Gegenteil. Seit einigen Tagen fühlte ich mich wieder so richtig schwanger. Mir war kotzübel, ich hatte Ekel vor Gerüchen und mein Kopf schien förmlich zu platzen. Mein Mann war es, der mir sagte dass ich noch mal zum Arzt gehen sollte. Und da hat es angefangen: Ich fing an zu googeln und stellte fest, dass eine Fehldiagnose in diesem Stadium gar nicht so selten passiert. Mir war klar: Ich brauchte Gewissheit. Letzte Woche ging alles so schnell und ich war viel zu benommen um mir das Ultraschall genau anzusehen. Am nächsten Morgen testete ich mit ganz deutlicher, dicker zweiter Linie – der HCG Wert war also noch auf Hochtouren. Das erklärte natürlich auch die Schwangerschaftssymptome. Etwas verunsichert ob meine Frauenärztin mich für verrückt halten würde, schrieb ich ihr von meinen Bedenken und bat um einen Termin. Sie war total einfühlsam und bot mir an noch am selben Tag zur Kontrolle zu kommen. In dem Moment war die Hoffnung größer als die Angst vor der erneuten Enttäuschung.

Gleichzeitig bot sich so auch die Gelegenheit das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich erklärte meiner Ärztin, dass ich sehr viel recherchiert hatte und mit ihrer Hilfe eine immunologische Untersuchung machen wollte. Sie hatte wohl auch schon darüber nachgedacht und erzählte mir von eine Ärztin, die eine Biopsie durchführen könnte. Biopsie? Ich hatte von einer Blutuntersuchung gelesen. Ich war verwirrt und verunsichert. Mein Vorhaben, auf eine Überweisung für eine immunologische Untersuchung zu bestehen, war gescheitert. Meine Ärztin wollte etwas ganz anderes als ich. Sie schlug mir vor auch ohne weitere Untersuchungen bei der nächster Schwangerschaft zusätzlich zum Progesteron, Heparin zu spritzen und Cortison könnten wir auch noch probieren. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen. Und dann kam doch noch die vorhersehbare Enttäuschung über das Untersuchungsergebnis hinzu. Alles sah aus wie die Woche zuvor. Das Baby war noch genauso groß und hatte keinen Herzschlag. Nach einer Blutung sah es auch noch nicht aus.

Wieso hilft mir denn keiner?

Am nächsten Tag war ich am Boden zerstört und suchte verzweifelt nach jemandem der uns helfen könnte – sofort! Ich hatte keinen Plan wie es weiter gehen sollte, wollte Untersützung und einen Plan, doch uns half niemand.

Dann rief auch noch mein Chef an und fragte woran ich arbeiten würde. Da war das Fass voll. Ich weinte und gab zu dass ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Vielleicht war es doch noch zu früh gewesen. Er hatte vollstes Verständnis. Wir verabredeten, dass ich bis zum Ende der Woche so tun sollte als würde ich arbeiten und mich in der nächsten Woche wieder krankschreiben lassen sollte, wenn es immer noch nicht ging. An diesem Tag hatte ich meinen absoluten Tiefpunkt erreicht und überlegte ob ich psychologische Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Aber selbst das war mir gerade zu viel. Die kleinsten Entscheidungen waren zu viel. Meine Gedanken waren wirr. Vielleicht hätte eine Pro und Contra- Liste geholfen. Stattdessen sah es in meinem Kopf so aus:

  • ich wünsche mir mehr Betreuung für den ganzen Schwangerschaftsprozess –> Beratung Kinderwunschklinik?
  • aber was ist wenn die nur Geld mit uns machen wollen und nach Schema F verfahren ohne nach den Gründen für die Fehlgeburten zu suchen
  • konnte man die Gründe überhaupt finden? Oder ist es normal dass man einfach ausprobieren müsste? Aber es geht doch um ein Menschenleben – kann ich das mit meinen ethischen Grundsätzen überhaupt vertreten?
  • mit einer Kinderwunschklinik ist es vielleicht auch einfacher eine immunologische Untersuchung durchführen zu lassen? Aber auf der Homepage steht nichts von immunologischer Untersuchung.

–> Das alles erfährst du nur wenn du dich beraten lässt.

Ich rief in der Kinderwunschklinik in unserer Nähe an und bat um einen Termin. Der nächste Termin wäre in drei Wochen. Direkt schossen mir die Tränen in die Augen. Ich brauchte doch sofort Hilfe!!! Also legte ich ohne etwas zu erwidern auf. Was jetzt? Erst mal ausheulen. Dann suchte ich nach Erfahrungen mit immunologischen Untersuchungen. Insbesondere bei Frau Dr. Reichel-Fentz und Dr. Pfeiffer. Auf diese Namen bin ich in dem Buch gestoßen. Frau Dr. Reichel-Fentz hatte sehr lange Wartezeiten. Aber vielleicht war das die Lösung? Die Behandlung ist mit vielen Medikamenten verbunden. Wollte ich das?

Ihr merkt: Ich war sehr durcheinander und konnte zumindest an diesem Tag keine klare Entscheidung treffen. Der Lichtblick dieses Tages war eine E-Mail, die ich an Dr. Pfeiffer persönlich gerichtet habe und tatsächlich nach zwei Stunden von ihm beantwortet wurde. Seine Empfehlung: Eine Biopsie gibt nur einen Bruchteil des Immunsystems wieder. Er rät zu einer Blutuntersuchung in seinem Labor.

O.K. damit konnte ich arbeiten.

Wie ich wieder in mein Leben fand, lest ihr im nächsten Beitrag.

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