Die kleine Geburt

Heute vor einer Woche kam unser kleiner Krümel zur Welt. Ich spreche absichtlich nicht von einem Abgang, weil es sich für mich nicht so angefühlt hat. Von dieser Erfahrung möchte ich euch heute berichten. Vielleicht hilft es der ein oder anderen bei der Entscheidung. Wie ich diese Entscheidung getroffen habe könnt ihr hier nachlesen.

Um 06:15 Uhr habe ich zwei Tabletten Cytotec vaginal eingeführt, um die kleine Geburt einzuleiten. Ich war darauf vorbereitet, denn es war nicht das erste Mal, dass eine Schwangerschaft dieses Ende fand. Trotzdem hatte ich bei jedem Mal Angst. Im Nachhinein denke ich, dass es einfach schwer war los zu lassen. Los lassen vom schwanger sein und von diesem kleinen Wesen, das nur so kurze Zeit bei uns war.

Bereits eine Stunde nach Einnahme spürte ich ganz leichte Gebärmutterkontraktionen. Nach einer weiteren Stunde wurden sie etwas stärker. Wie der Beginn einer Periode.

Vorher habe ich sehr viel über die kleine Geburt gelesen. Dieses Mal hatte ich richtig Angst, weil es schon einen Embryo gab. Würde es sich anders anfühlen? Schmerzhafter? Wird man etwas sehen können? Ich wollte versuchen die Fruchthöhle im Ganzen aufzufangen. Warum wusste ich noch nicht. Mir war es einfach wichtig dass sie sich durch die Tabletten nicht vorher schon zersetzt, sondern im Ganzen herauskommt. Wenn nach sechs Stunden nichts passiert wäre, hätte ich weitere zwei Tabletten eingeführt.

10:00 Uhr: Mein Darm fing an sich zu entleeren. Auch die erste Blutung hatte eingesetzt. Die Schmerzen hielten sich auch ohne Schmerzmittel in Grenzen. Jedoch legte ich mich hin um etwas zur Ruhe zu kommen. Es war in der Art ein meditativer Zustand. Ich hatte kein Fernsehen an, keine Ablenkung, ich lag einfach nur und konzentrierte mich auf meinen Körper.

Ca. um 11:00 Uhr kommt unser kleiner Krümel zur Welt. Es war anders als die letzten Male. Da habe ich eine Tablette eingenommen, zwei Stunden gewartet und dann wieder eine eingenommen. Die letzten beiden Male waren die Schmerzen so stark, dass ich kaum aufstehen konnte. Und alles was raus kam war zersetztes Gewebe. 

Jetzt hatte ich zwar starke Schmerzen, aber nicht so stark. Im Liegen habe ich immer gespürt wenn es wieder losging. Die Schmerzen waren zwar dauerhaft da, aber es gab Momente wo es sich besonders zusammengezogen hat und ich wusste jetzt kommt was. Ich hatte noch nie Wehen. Aber nachdem ich viele Berichte gelesen habe, muss es sich wahrscheinlich so anfühlen (nur noch schmerzvoller). 

Etwa um 11 Uhr merkte ich dass wieder etwas passiert. Aber ich habe nie damit gerechnet dass es schon die Fruchthöhle sein könnte. Ich hatte mir im Badezimmer einen Eimer bereitgestellt und mich darüber gehockt als plötzlich etwas Größeres runtergeplumste. Ich wusste sofort dass es die Fruchthöhle sein musste. Ich weiß dass dieser Weg nicht für jeden etwas ist. Solltet ihr euch davor ekeln, solltet ihr jetzt nicht mehr weiterlesen. Für mich war es ein überwältigendes Gefühl das zu sehen und total befreiend das zu erleben. 

Ich nahm die Fruchthöhle in die Hände und lies Wasser drüber laufen. Kurz überlegte ich die Fruchtblase so zu beerdigen. Aber ich wollte unbedingt sehen was sich darin befindet. Die Fruchthöhle fühlt sich von außen total glatt und fest an, etwa wie eine Qualle. Es war gar nicht so einfach sie aufzureißen. Irgendwie hat mir das gezeigt dass unser Krümel total gut geschützt war und gar nicht so einfach verletzt werden konnte. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Ich riss die Fruchthöhle also auf und es kam Wasser raus. Auch den Dottersack habe ich entdeckt, direkt neben einem kleinen Zellhaufen. Leider konnte man nichts mehr erkennen. Trotzdem war es total wichtig und schön das zu sehen.

Mein Mann und ich bastelten aus einer kleinen Kartonschachtel eine Art Sarg wo ich Blumen (zwei liebe Menschen haben uns Blumensträuße als Trost zugeschickt) reinlegte. In die offene Tulpenblüte legte ich die Fruchthöhle. Außerdem machte ich auch ein Foto davon. Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe einfach das gemacht was mein Gefühl mir gesagt hat. Das Foto würde ich auch niemandem zeigen. Leider hatte ich von den ersten beiden Schwangerschaften keinerlei Erinnerungen. Die Striche auf den Tests sind bereits verblasst. Ich hatte keine Ultraschallbilder, nicht mal einen Mutterpass. Es war als hätte es diese Schwangerschaften nie gegeben. Dementsprechend wollte ich von dieser Schwangerschaft so viele Erinnerungen wie möglich haben. Mein Mann konnte sich das nicht anschauen. Aber er stimmte meinem Wunsch zu, das kleine Grab abends im Wald zu begraben. Ich konnte dieses kleine etwas nicht in der Toilette hinunterspülen.  

Ich hatte meiner Schwester von dieser Erfahrung erzählt und sie bat mich zumindest gedanklich dabei sein zu können, wenn wir unseren Krümel verabschiedeten. Sie hat mir ein Video mit Kerzen und einem passenden Lied geschickt (Julia Maria Klein – Ich lasse los). Nachdem wir die kleine Schachtel vergraben hatten, zündeten wir Wunderkerzen an und verabschiedeten uns.

Nach dieser Erfahrung habe ich mich frei und stark gefühlt. Ich war so stolz auf mich, was mein Körper vollbracht hat. Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Denn bei unerfülltem Kinderwunsch fühlt man sich oft nicht richtig. Der Körper fühlt sich nicht richtig an, weil er nicht so funktioniert wie die Natur es vorgesehen hat. Deshalb: Seid stolz auf euren Körper und das was er jeden Tag leistet!

Die Schmerzen hielten den ganzen Tag noch an. Auch das war die letzten Male anders. Nachdem die größten Gewebeklumpen raus waren, ging es mir sofort besser. Die Schmerzen waren weg und ich wollte einfach nur schlafen. Das ist wahrscheinlich bei jeder Frau anders. Am nächsten Tag hatte ich keine Schmerzen mehr. Die Blutungen hielten noch eine Woche an. Für die nächste Woche werde ich einen Kontrolltermin vereinnahmen. Das solltet ihr auf alle Fälle tun, um zu schauen ob wirklich alles abgegangen ist. Ansonsten ist doch noch eine Ausschabung nötig.

Auch meine Periode kam nach den ersten beiden Fehlgeburten direkt nach 30 Tagen wieder. Das ist nicht selbstverständlich. Setzt euch nicht unter Druck falls es bei euch länger dauert. Beim ersten Mal kam meine Periode zwar nach 30 Tagen und ich weiß noch wie schön es für mich war als meine Ärztin sagte, dass ich auf meinen Körper stolz sein kann, aber den Monat darauf kam außer einer Schmierblutung nichts. Heute weiß ich, dass ich noch sehr lange getrauert habe und sich das wahrscheinlich auf meinen Hormonhaushalt ausgewirkt hat.

Ich weiß noch nicht wie lange es dieses Mal dauern wird, bis mein Körper wieder richtig funktioniert, aber ich weiß dass ich ihm die Zeit geben möchte die er braucht, denn er hat großartiges geleistet. Auch die Entscheidung darüber wann ihr es wieder versuchen möchtet, bleibt ganz alleine euch und eurem Gefühl überlassen. Nach der ersten Fehlgeburt habe ich eine Pause gebraucht. Wie sollten wir es weiter versuchen, wenn ich am Sex gar keinen Spaß mehr hatte und nur noch negatives damit verbunden habe? Aber auch diese Phase ging vorüber. Und nach der zweiten Fehlgeburt wollte ich es direkt wieder versuchen. Es kann also ganz unterschiedlich sein und ihr dürft das ganz alleine entscheiden wann ihr wieder bereit dazu seid.

Ich möchte euch damit nicht sagen, dass durch eine kleine Geburt alles wieder besser ist und eure Trauer verschwindet. Ich möchte euch auf den Weg geben, dass es wichtig ist Abschied zu nehmen, egal auf welche Weise. Ich konnte so besser abschließen und jetzt wieder nach vorne schauen.

2 Kommentare zu „Die kleine Geburt

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