Des Rätsels Lösung?

Ich lag auf einem Bett und wurde gerollt. Ganz weit im Hintergrund hörte ich jemanden über mich sprechen: „Bei Frau E. wurde etwas festgestellt.“ Sofort wachte ich auf und fragte ganz aufgeregt nach: „Bei mir wurde etwas festgestellt????“ Die Krankenschwester legte eine Hand auf meine Schulter und beruhigte mich. Dann schlief ich wieder ein. In meiner Erinnerung wachte ich kurz darauf in einem Raum mit mehreren Personen auf. In Wirklichkeit war schon etwas mehr als eine Stunde vergangen. Sofort erinnerte ich mich an die Worte der Krankenschwester. Ich spürte Tränen meine Wangen runterlaufen. Tränen vor Glück. Nach zwei Jahren Kinderwunschzeit, ein Jahr nach meiner ersten Fehlgeburt, hatte ich das erste mal das Gefühl nicht mehr im Dunkeln zu stehen. Das Pflegepersonal fragte ob bei mir alles in Ordnung sei und gab mir ein Taschentuch. Ich erwiderte, dass ich einfach nur glücklich war, weil etwas festgestellt wurde.

Alles nur ein Traum?

Kurz darauf rief man auf der gynäkologischen Station an und bat darum mich abzuholen. Gefühlt war ich gerade erst in Narkose versetzt worden, aber es waren seit dem schon drei Stunden vergangen. Ich schaute unter die Bettdecke. Ich hatte ein Netzhöschen an. Darin lag eine Binde. Es wurde tatsächlich etwas gemacht. Und ich habe nichts davon mitbekommen. Alles fühlte sich normal an. Als wäre nie jemand an mir dran gewesen. Eine Schwester schob mich durch das ganze Krankenhaus bis auf mein Zimmer. Hier lag schon meine Zimmernachbarin. Sie war kurz vor mir dran. Die Schwester begleitete mich auf Toilette. Mir war noch etwas schwindelig, aber ich konnte aufstehen und zur Toilette gehen. Die Binde hatte ich schon ganz vergessen. Beim Toilettengang fiel sie mir einfach raus. Aber ich blutete auch so gut wie gar nicht. Meine Oberschenkel waren orange. Scheinbar hatte man mich unten rum mit etwas eingerieben. Zurück auf dem Zimmer schrieb ich direkt meinem Mann und meiner Familie: Es wurde etwas festgestellt!!! Nachdem ich den Hergang geschildert habe, fragte mich meine Schwester: Bist du dir sicher, dass du das nicht geträumt hast in der Narkose?“ Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich war noch nie in Narkose. Kann es sein, dass mein Wunsch endlich die Wahrheit herauszufinden , so groß war, dass es sich so echt angefühlt hat?

Die Krankenschwester brachte mir und meiner Zimmernachbarin jeweils eine Flasche Wasser. Na endlich!! Außer ein Glas Wasser am Morgen habe ich noch nichts getrunken und gegessen. Ich trank die ganze Flasche leer. Es war jetzt 14 Uhr. Mittagessen bekamen wir leider nicht mehr. Aber ein Stück Kuchen. Ich war sooo hungrig. Ich musste unbedingt etwas essen, um meinen Kreislauf zu stabilisieren. Marina, meine Zimmernachbarin, war vorbereitet. Sie gab mir einen Energieriegel. Was bin ich dankbar für diese Frau! Morgens, als ich auf das Zimmer gebracht wurde, wusste ich noch nicht, dass mich mit dieser Frau so viel verbinden wird. Als Schwester Petra aus dem Zimmer ging, fragte ich Marina, ob wir die Maske im Zimmer abnehmen könnten. Und so kamen wir ins Gespräch. Sie war genauso alt wie ich und vertraute mir relativ schnell an, dass auch sie wegen unerfülltem Kinderwunsch da war. Vier Jahre begleitet sie und ihren Mann dieser Wunsch bereits. Ich finde es immer wieder bemerkenswert wie lange Paare damit leben und durchhalten. Die Bauchspiegelung war ihre erste Untersuchung. Auch das finde ich erstaunlich. So entspannt war ich nicht. Damals hatten wir uns vorgenommen nach einem Jahr Kinderwunschzeit Nachforschungen zu machen. Das hatte sich dann mit der ersten Fehlgeburt so wie so ergeben. Marina hatte einen kleinen Akzent. Sie ist vor 10 Jahren als Au-Pair nach Deutschland gekommen und hat sich in ihren jetzigen Mann verliebt und ihn geheiratet. Ihre Familie lebt in Russland. Auch ich habe russische Wurzeln. So viele Gemeinsamkeiten. So viele Gesprächsthemen. Pausenlos haben wir uns unterhalten. Es war eine großartige Ablenkung für uns beide. Denn wir lagen beide noch nie im Krankenhaus und hatten waren beide noch nie zuvor in Narkose. Bevor sie zur OP abgeholt wurde bedankte sie sich. Ohne mich wäre sie panisch gewesen. Das konnte ich nur zurückgeben. Ich schrieb noch einige Zeit mit meinem Mann. Während ich im Krankenhaus lag, hatte er ein Vorstellungsgespräch. Dieser Tag war für uns beide mehr als aufregend.

Wie ist Ihr Name und was wird heute bei Ihnen gemacht?

Es war komisch als vermeidlich gesunder Mensch, von einer Krankenschwester durch das Krankenhaus zum OP geschoben zu werden. Mehrfach wurde ich von dem Personal gefragt wer ich bin und was heute gemacht wird. Wissen die das denn nicht selbst? Normalerweise hätte mir das Angst gemacht. Aber irgendwie war ich total ruhig. Danke Marina!! Während ich auf dem OP-Bett lag, erklärte mir Pfleger Sascha dann auch dass er nicht doof sei. Natürlich wusste er wer ich bin und was gemacht werden sollte. Mit den Fragen sollte einfach nur sichergestellt werden, dass ich die richtige Person bin und bei vollem Bewusstsein bin. Auch die ständigen Fragen was ich denn gegessen hätte oder wie das Frühstück geschmeckt hat, waren reine Vorsichtsmaßnahmen. Obwohl: Ich glaube es macht ihnen auch sehr viel Spaß. Im OP waren alle gut drauf und hatten Spaß. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt schlecht aufgehoben gefühlt. Weder als mir zum ersten Mal ein Venentropf angelegt wurde, noch als ich das ständige Piepen hörte oder als ich in die Narkose versetzt wurde.

„Du kannst ja ganz normal sprechen“ sagte Marina. „Klar, wieso denn nicht?“. „Uns wurde doch während der Narkose ein Schlauch in den Mund gesteckt.“ sagte sie. Das wusste ich nicht! Marina hatte sich alles vorher durchgelesen und nahm auch alles wahr was unter den Nachwirkungen beschrieben wurde. Ich fühlte mich ganz normal. Sie war stand aber auch länger unter Narkose. Bei ihr wurde zusätzlich zur Gebärmutterspiegelung ein Bauchspiegelung gemacht. Außerdem wurden auch die Eileiter auch Durchlässigkeit überprüft. Denn sie ist während der letzten vier Jahre kein einziges mal schwanger geworden. Bei mir wurde lediglich in die Gebärmutter „geguckt“. Wir unterhielten uns bis die behandelnde Ärztin zu uns aufs Zimmer kam, um uns mitzuteilen, was sie gesehen hat. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Kein ewiges Warten.

Das ist sehr wahrscheinlich der Grund für die Fehlgeburten

Die Ärztin hat nicht groß drumherum geredet. Sofort sagte sie mir, dass sie eine Trennwand (Septum) in der Gebärmutter entdeckt hat und dass diese Trennwand der wahrscheinlichste Grund für meine Fehlgeburten war. Sie erklärte mir, dass diese Trennwand eine angeborene Fehlbildung war und dass es zwei verschiedene Formen gibt. Da bei mir lediglich eine Gebärmutterspiegelung gemacht wurde, muss sie sich das ganze noch mal von „außen“ anschauen, um dann entscheiden zu können welche Form vorliegt und wie sie weiter vorgeht. Dies geschieht über eine Bauchspiegelung. Die häufigste Form ist operabel. „Nach der Operation ist das Risiko für eine Fehlgeburt auf ein normales Maß verringert.“ Das war der schönste Satz, den ich seit langem gehört habe! Mir wurde wieder bewusst wie groß meine Angst war bei einer weitern Schwangerschaft das Kind zu verlieren. Das Risiko war mittlerweile einfach größer, als eine normale Schwangerschaft zu haben. Gleichzeitig wusste ich jetzt auch: Ich habe nichts falsch gemacht! Mich trifft keine Schuld.

Während die Ärztin mit Marina sprach, schrieb ich meinem Mann. Auch er hatte gute Nachrichten. Ich freute mich darauf entlassen zu werden und mich mit ihm austauschen zu können. Als die Ärztin aus dem Zimmer ging, fragte ich Marina wie es ihr mit der Diagnose ging. Sie fing an zu weinen. Die meisten Menschen reagieren mit Umarmungen auf so eine Situation. Ich ließ sie alleine und zog mich auf Toilette um. Ich wusste dass sie kein Mitleid wollte. Sie brauchte einfach ein wenig Zeit, um die Nachricht zu verdauen. Danach erzählte sie mir: „Ich bin froh, dass meine Eileiter nicht verschlossen sind. Das wäre mein Alptraum gewesen. Bei der Endometriose weiß ich dass es trotzdem möglich ist, weil meine Freundin das auch geschafft hat.“ Mir wurde bewusst, dass jeder seine eigenen Befürchtungen hat und sie unterschiedlich schlimm einordnet. Endometriose wäre für mich eine wesentlich schlimmere Diagnose gewesen, als verschlossene Eileiter. Zumal die Ärztin ihr geraten hat eine Kinderwunschklinik aufzusuchen. Natürlich könnte es auch auf natürlichem Wege klappen. Vor allem weil Marina die Endometriose subjektiv nicht wahr nahm. Sie hatte in dem Sinne keine Beeinträchtigungen. Aber es hatte bereits vier Jahre nicht geklappt und sie wurde auch nicht jünger. Laut Ärztin würde ihr eine Kinderwunschklinik besser helfen können. Wir tauschten unsere Nummern aus und wollten in Kontakt bleiben. Es würde mich so sehr freuen irgendwann von ihr zu erfahren, dass es geklappt hat.

Der Entlassungsbericht

Anderthalb Wochen später nahm ich den Kontrolltermin bei meiner Frauenärztin wahr. Alles war super verheilt, als hätte es nie einen Eingriff gegeben. Sie übergab mir eine Überweisung für die Bauchspiegelung und den Bericht aus dem Krankenhaus: Hysteroskopisch fand sich im Kavum ein kräftiges Septum bis fast zum Isthmus uteri. Hierdurch wird das Kavum in zwei etwa gleich große Uterushörner geteilt. Bei ansonsten unauffälligen intrakavitären Verhältnissen ist hierin die wahrscheinlichste Abortursache zu sehen.

Ich konnte es immer noch nicht fassen. Es wurde tatsächlich ein Grund festgestellt. Lange war ich nicht mehr so glücklich. Meine Mama meinte meine Augen würden wieder wie früher aussehen. Und so fühlte es sich auch an. Ich fühlte mich nicht mehr falsch an. Ich war wieder ich selbst. Ich selbst mit Erfahrungen. Erfahrungen, die mich verändert haben, aber mich nicht ausmachen.

Unsere Kinderwunschreise ist noch nicht vorbei, aber das Ende ist in greifbarer Nähe. Es fühlt sich so toll an, nicht mehr in Ungewissheit zu leben. Bis zur OP wird es noch etwas dauern. Und auch danach braucht die Gebärmutter drei Monate Zeit um zu verheilen. Diese Zeit wollen wir für uns nutzen. Das Leben genießen, eine letzte Reise zu zweit machen (wenn es Möglich ist), uns ohne Kinderwunsch lieben, uns endlich wieder frei fühlen.

2 Kommentare zu „Des Rätsels Lösung?

    1. Ich glaube für mich ist es schlimmer ahnungslos zu sein, als zu wissen dass es zum Beispiel gar nicht möglich ist. Dann hätte ich damit vielleicht irgendwie besser abschließen können. Obwohl…irgendwie bleibt die Hoffnung immer. Egal wie aussichtslos es ist. Ich drücke dir die Daumen dass die IVF euch weiterhilft!!!

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