Was sind eure Trigger?

Ihr Lieben, lange gab es von mir nichts zu hören. Ganz einfach, weil ich Urlaub mache: Urlaub vom Kinderwunsch. Und es fühlt sich soooo verdammt gut an. Ich fühle mich seit Langem unbestimmt, frei und einfach wie ich selbst. Das hat natürlich mit meiner Diagnose zu tun und der angeratenen Wartezeit. Ob es sich genauso anfühlen würde, wenn wir ohne Diagnose beschlossen hätten eine Pause zu machen? Für mich ganz bestimmt nicht. Das ist wahrscheinlich ganz individuell. Ich würde es jedem Kinderwunsch-Paar wünschen „Urlaub“ machen zu können. Apropos Urlaub. Wir waren im Urlaub!! 10 Tage Roadtrip durch Frankreich. Davon möchte ich euch auch ganz bald berichten. Heute soll es aber um meine Rückkehr aus dem „Urlaub“ gehen.

Die Rückkehr

Meine erste Arbeitswoche war nicht nur die Rückkehr zur Arbeit, sondern auch die Rückkehr in die Welt einer Frau, die ich verdrängt habe. Die Kinderwunschfrau: Unsicher, sensibel, freudlos, gelenkt von den gesellschaftlichen Erwartungen.

Montagmorgen, glücklich zur Arbeit fahren, von Arbeitskollegen Komplimente bekommen: Hört sich utopisch an? War aber so! Zumindest für die ersten zwei Stunden. Als ich auf meiner Etage ankam und meiner Chefin nachträglich zum Geburtstag gratulierte, dann die erste Nachricht: „Frieda ist krank und kommt wohl die ganze Woche nicht“. Komisch wir haben doch letzte Woche noch geschrieben..alles war gut. Irgendwie war es der Ton meiner Chefin, der meinen Spürsinn aktiviert hat. Beim Betreten unseres Büros, was Frieda und ich seit fünf Jahren teilten, fiel mir direkt das Knäckebrot auf ihrem Schreibtisch auf. Ihr wisst worauf ich hinaus will. Wenn man mehrere Jahre in der Warteschleife hängt, kennt man die Anzeichen von schwangeren Freundinnen, Familienmitgliedern, Arbeitskolleginnen inzwischen schon. Es ist wie ein natürliches Warnsignal für die Seele. Kurz darauf bekam ich eine WhatsApp von Frieda: Sie würde mich später anrufen. Am Nachmittag dann der Anruf: Frieda weinte. Sie hatte eine Fehlgeburt. Wir telefonierten eine Stunde, ich sprach mein Mitgefühl aus, ließ sie erzählen, stellte vorsichtig Fragen, bot ihr an, sich immer melden zu können. Zum ersten Mal stand ich auf der anderen Seite und mir wurde bewusst: Es ist gar nicht so einfach, auf der anderen Seite zu stehen. Auch ich hatte Angst etwas Verkehrtes zu sagen, ihre sensible Seele zu verletzen, nicht einfühlsam genug zu sein, zu einfühlsam zu sein. Eins wurde mir schnell klar: Frieda ging ganz anders damit um, als ich. Sie wollte so schnell wie möglich vergessen. Die Psychologin in mir war sich sicher, dass Frieda ihr Erlebnis verdrängte und es sie irgendwann einholen würde. Aber vielleicht war sie einfach pragmatischer als ich, vielleicht war ich auch einfach nicht die richtige Person, vielleicht wollte sie mich auch einfach nicht damit belasten.

„Bist du schwanger?“

Am nächsten Tag bekam ich eine Nachricht von einer Freundin, die sich selbstständig machen möchte. Des Öfteren bat sie mich um Rat, was Formulierungen und Gestaltungen anging. Insbesondere beim Kinderwunsch und Fehlgeburten. Eine Zeit lang wollte sie sich in diesem Bereich selbstständig machen. Das hatte sie im Juni verworfen: Die Frauen waren ihr zu anstrengend und sehen sich nur als Opfer. Ich muss nicht erzählen, wie das bei mir ankam. Im Juni hielt ich noch den Mund, aber man kann nicht alles ignorieren. Ich schaute auf mein Handy und sah im WhatsApp -Vorschaufenster: „Du bist schwanger?“ In mir kam ein komisches Gefühl auf. Bis ich bemerkte, dass es der Text für ihre neue Facebook-Seite sein sollte. Ich entspannte mich wieder, laß den Text und gab ihr ein Feedback. Sagte ihr aber auch, dass sie mich bitte vorwarnen sollte, wenn der erste Satz lautet „Du bist schwanger?“. Jetzt wo ich psychisch stärker war, konnte ich damit anfangen die Leute dafür zu sensibilisieren was man nicht machen oder sagen sollte. „Mach ich, sorry, habe da gar nicht dran gedacht“. Auch diese Antwort hat mich etwas geärgert, aber es war der erste Schritt nicht alles zu schlucken und das machte mich etwas stolz. „Bist du etwa schon schwanger?“ War kurz darauf ihre nächste Nachricht. War das ihr verdammter Ernst???? Das ging zu weit. „Hör bitte auf! Das waren jetzt zwei Dinge, die nicht so angebracht sind.“ Direkt entschuldigte sie sich und beteuerte mir, dass es nicht ihre Absicht war mich zu verletzten. Ich weiß!!! Die wenigsten wollen absichtlich verletzten, aber das tun sie. Sehr oft sogar. Für die anderen ist es ein Ausrutscher. Alle einmaligen Ausrutscher zusammengerechnet kosten mich aber sehr viel Kraft und Nerven. So wie auch den darauffolgenden Tag bei meiner Arbeitskollegin Bärta.

„Stress dich nicht!“

Bärta sitzt im Empfang und ist die gute Seele unseres Hauses. Die letzten Jahre ist ihre Stimmung allerdings komisch geworden, was es für mich immer schwieriger macht mit ihr Small Talk zu halten. Damit meine ich, dass aus jedem gut gemeintem Gespräch eine Schwarzmalerei unseres Unternehmens gemacht wird. Meistens grüße ich mit einem kurzen „Guten Morgen“ und frage erst gar nicht wie es ihr geht. Manchmal gebe ich uns wieder eine Chance, denn ich mag sie und natürlich interessiert es mich wie es ihr geht. So wie auch an dem besagten Mittwoch. Wir hatten ein nettes Gespräch. Zwei Tische und Spuckschutzwände weiter saß unsere neue Azubine und verschmolz mit der Wand hinter ihr. Sie war wirklich sehr schüchtern und still. Vielleicht war das der Grund, weshalb Bärta nicht merkte, dass ihre Fragen unangebracht waren, als unser Gespräch sich plötzlich von Urlaub zu Wetter zu Hochwasser zu Klimawandel zu „ihr werdet es ganz schlimm haben“ zu Kinderwunsch wechselte. Bärta ist eine Verwandlungskünstlerin: Sie kann jedes Gespräch verwandeln und das passiert so schnell, dass du dich gar nicht darauf einstellen kannst und plötzlich verwandelt es sich in ein unaufhaltsames Selbstgespräch. Ein Selbstgespräch, bei dem unsere neue Azubine teilgenommen hat. Es war ok als Bärta mich in ganz ernstem Tonfall fragte, wie es mir denn ginge. „Sehr gut“ erwiderte ich. Sieht man doch! Jeder sieht dass es mir gut geht. Das reichte Bärta aber nicht. Sie wollte ganz tief rein und fragte: „Ja? Wirklich? Hast du denn alles gut überstanden?“ Bestimmt meinte sie die OP. So lange alles so schwammig blieb, konnte ich ihr ja erzählen, dass ich mich aktuell in der „Heilungsphase“ befinde. Das war ein Fehler! Das war der Startschuss für das Selbstgespräch. Stopp wollte ich rufen. Aber irgendwie war ich stumm. Ich konnte nichts sagen. Auch nicht als sie von allen möglichen Leuten erzählte, die Probleme beim Kinder kriegen hatten. Auch nicht als sie von ihrer Fehlgeburt erzählte als würde sie mir von ihrem Wochenende erzählen. Erst als sie sagte ich soll mich nicht stressen lassen fand ich meine Stimme wieder. Am Nachmittag fasste ich allen Mut zusammen und ging in einer ruhigen Minute zu ihr runter. Ich bedankte mich für ihr Interesse an meinem Wohlbefinden und bat sie, das nächste Mal nicht darüber zu sprechen, während andere Personen dabei waren. Sie entschuldigte sich und versicherte mir, nicht bemerkt zu haben, dass unsere Azubine mit im Raum saß. Es war nicht ihre Absicht. Natürlich war es nicht ihre Absicht. Es war auch nicht meine Absicht mich diese Woche mit dem Kinderwunsch zu befassen und doch ist es passiert. Während ich diesen Text schreibe, habe ich meine zweite Periode nach der OP. Drei Perioden sollen abgewartet werden. Ich habe also noch Urlaub. Lasst mich doch meinen Urlaub genießen.

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